Bonus

„Liebes, ich habe heute eine Einladung bekommen. Du wirst nicht glauben, worum es sich handelt!“

Lennard stürmt grinsend in mein Büro und umarmt mich.

Ich lege den Zeigefinger auf meine Lippen, denn in meinem Wohnzimmer lernen sich gerade zwei Menschen kennen, die auf die große Liebe hoffen.

„Verrate es mir!“, fordere ich ihn flüsternd auf, erhebe mich von meinem Stuhl und schmiege mich in seine Arme.

„Sergio hat mir etwas eröffnet. Er will …“

„Dich aber hoffentlich nicht schon wieder aufs Festland schicken?“, frage ich misstrauisch.

Mein Liebster ist den Sommer über oft in Barcelona gewesen, um dabei zu helfen, die neue Dependance aufzubauen, obwohl Sergio dafür extra jemanden eingestellt hat. Doch es haben sich immer wieder Probleme gezeigt und so musste Lennard dem neuen Geschäftsführer helfend zur Seite stehen.

Mir hat das natürlich nicht so gut gefallen, wenn ich auch die Gelegenheit genutzt habe, ihn einige Male zu begleiten und – während er gearbeitet hat – durch die faszinierende Stadt auf der anderen Seite des Meeres zu bummeln.

In letzter Zeit ist es zum Glück kaum noch nötig gewesen, dass Lennard dorthin fliegen musste.

„Nein, nein. Keine Sorge“, antwortet er.

Doch bevor er mich aufklären kann, wird die Tür zum Wohnzimmer aufgerissen und meine Klientin stürmt in mein Büro. Sofort lässt Lennard mich los und verzieht sich diskret in eine Ecke.

Einen Augenblick später folgt mein Kunde, wedelt mit seiner Hand vor seinem Gesicht herum, um mir zu demonstrieren, dass die Klientin nicht ganz bei Trost ist oder etwas in der Art und schon ist er draußen, denn ich höre, wie er die Tür zuschlägt.

„So ein unmöglicher Mensch!“, schimpft sie. „Den sollten Sie sofort von Ihrer Liste streichen. Der wollte doch tatsächlich …“

Sie stockt, weil sie jetzt erst Lennard wahrnimmt. Augenblicklich verwandelt sich ihre grimmige Miene in ein verführerisches Lächeln.

„Entschuldigung. Habe ich Sie bei einem wichtigen Gespräch unterbrochen?“, säuselt sie und geht mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. „Wir kennen uns ja noch gar nicht.“

Sie vermutet offensichtlich, dass es sich bei ihm um einen Klienten handelt.

Finger weg! Der gehört mir, fauche ich, jedoch nur in Gedanken.

Bevor ich einschreiten und das Missverständnis aufklären kann, streckt mein Liebster ihr ebenfalls seine Hand entgegen.

„Herzog ist mein Name. Ich bin der Lebensgefährte von Frau von Falkenberg“, antwortet er förmlich. „Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.“

Augenblicklich fällt meiner Klientin das Lächeln aus dem Gesicht.

„Wir können gerne rüber gehen und Sie erzählen mir alles“, schlage ich ihr vor.

„Nicht nötig. Bitte melden Sie sich bei mir, sobald Sie einen Mann wie diesen“, sie zeigt mit dem Kinn auf Lennard, „in Ihrer Agentur vermitteln können.“

Mit diesen Worten rauscht sie ab und ich verkneife mir ein Grinsen.

Als ich Lennard kennengelernt habe, war mir sofort klar, dass sich meine Damen die Finger nach ihm lecken würden.

Genau wie ich!

„Du bist der begehrteste Mann in meiner Agentur“, sage ich und werfe mich erneut in seine Arme.

„Ich bin mir ganz sicher, dass die Herzen der Männer ebenfalls höher schlagen, wenn sie dich sehen.“

„Du Charmeur, du. Aber was wolltest du mir eigentlich sagen?“

„Sergio hat uns eingeladen.“

„Feiert er Geburtstag?“

„Nein, etwas ganz anderes. Stell dir vor: Catherine und er wollen heiraten!“

„Nein!“

„Doch.“

„Aber sie kennen sich ja noch gar nicht so lange.“

„Wenn man weiß, dass man die Richtige gefunden hat, sollte man sie festhalten. Am besten mit einem schönen Ring.“

Er zwinkert mir zu, als er das sagt.

Will er etwa …?, frage ich mich.

Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass er Sergios Beispiel folgen will, als hätte er einen Schubs gebraucht, um etwas derart Einschneidendes zu tun.

Ein Antrag nach nur drei Monaten Beziehung wäre wirklich übereilt, selbst wenn es so hervorragend läuft wie bei uns. Oder?

„Findest du nicht auch?“, hängt er noch hintendran.

„Damit könntest du recht haben. Man muss das Glück festhalten, wenn es einen besucht“, antworte ich lächelnd. „Wann soll die Hochzeit denn stattfinden?“

„Schon übernächste Woche. Sie wollen bei schönem Wetter in einem Beachclub feiern. Deshalb eilt es ihnen ein wenig.“

„Ach so. Die Jahreszeit ist der Grund dafür?“, wundere ich mich.

„Ich tippe eher auf die Liebe“, antwortet er grinsend.

„Das sage ich doch immer. Hinter der Fassade des taffen Geschäftsmanns versteckt sich ein Romantiker.“

„Damit könntest du recht haben. Aber diese Seite zeige ich nur dir.“

„Das reicht auch völlig aus“, bestätige ich.

„Ich freue mich sehr für Catherine. Sie hat mit Männern schon so einiges Negative erlebt. Sergio ist zwar nicht der angenehmste Zeitgenosse, aber sie scheint ihn ziemlich gut im Griff zu haben.“

„Das wundert mich nicht. Sie hatte ja schon immer so etwas Dominantes an sich.“

„Täusch dich da mal nicht. Als ich bei einem unserer Dates bestimmend mit ihr gesprochen habe, hat das nicht den Anschein gehabt.“

„Willst du mich im Nachhinein noch eifersüchtig machen?“, beklage ich mich.

„Wie könnte ich? Eine schönere, klügere und liebenswertere Frau als dich könnte ich mir nicht an meine Seite wünschen.“

„Das waren jetzt aber viele Komplimente auf einmal“, antworte ich grinsend.

„Hätte ich sie auf drei Mal aufteilen sollen?“, scherzt er.

„Ich kann sie gerade so verkraften“, erkläre ich und küsse ihn.

„Kannst du für heute Schluss machen?“, fragt er nach einer ganzen Weile, in der er mich nicht nur geküsst hat, sondern auch mit seinen Händen über meinen Körper gewandert ist. „Ich würde die Küsserei lieber zu Hause fortsetzen.“

„Oh ja. Du willst dabei bestimmt bequem liegen“, necke ich ihn.

„Wenn ich das Funkeln in deinen Augen sehe, weiß ich, dass es dir genauso geht. Komm!“

***

Knapp zwei Wochen später heiraten die beiden in einer zauberhaften kleinen Kirche außerhalb von Palma. Catherine trägt ein wunderschönes weißes Kleid. Ganz schlicht und elegant aus glänzendem Satin, der ihren schlanken Körper umschmeichelt.

„Wo hast du das denn so schnell herbekommen?“, habe ich sie gefragt, als ich dabei sein durfte, während sie geschminkt und frisiert wurde.

Inzwischen sind wir nämlich so etwas wie Freundinnen geworden, denn seit sie ihre Liebe gefunden hat, hat sie sich zu meiner nettesten Ex-Klientin entwickelt.

„Man muss nur die richtigen Beziehungen haben“, kam ihre Antwort mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. „Einer meiner Kunden, ein Modedesigner, hatte das Kleid in seinem kleinen Showroom hängen. Als ich ihm gesagt habe, in so einem Traum würde ich liebend gerne heiraten, hat er es mir überlassen.“

Nachdem wir die Zeremonie und die Gratulationen an das Brautpaar hinter uns gebracht haben, fahren wir zu einem exklusiven Beachclub, direkt am Strand gelegen, mit Pool, Sonnenbetten, Palmen und einem ausgezeichneten Restaurant. Da die beiden ihn für ihre Hochzeit angemietet haben, sind wir Gäste ganz unter uns.

Wir werden mit einem Sektempfang begrüßt, bei dem es natürlich den spanischen Cava gibt.

„Salud, Amor y Dinero“, sagt Lennard zärtlich, als wir auf das Brautpaar anstoßen, und sieht mir dabei tief in die Augen.

„Mucho Amor!“, stimme ich ihm zu.

„Die haben wir doch schon“, stellt er fest.

„Ein bisschen mehr kann niemals schaden.“

Anschließend nehmen wir am Tisch des Brautpaares Platz, denn wir sind so etwas wie Ehrengäste, weil die beiden sich durch uns kennengelernt haben. Natürlich wurde, was das anbelangt, ein wenig geschwindelt. Offiziell hat Lennard seinen Chef mit Catherine bekannt gemacht, die er wiederum durch mich kennt, da ich eine Freundin von ihr bin.

Zum Cava gibt es hauchdünne, geröstete Baguettescheiben, die mit Sobrasada, der typisch mallorquinischen Wurst bestrichen sind. Dem folgt das Menü: Consommé aus geräucherten Tomaten mit mariniertem Thunfisch, Rinderfilet mit Pastinakenpüree und grünem Spargel und zum Abschluss wird karamellisierte Birne mit Tonkabohne und Vanilleeis serviert.

„Ich platze!“, stöhne ich, als ich die Serviette ablege.

„Dann lass uns einen Verdauungsspaziergang machen“, schlägt Lennard vor. „Aber wir können uns nicht davonschleichen, bevor der Brautstrauß geworfen wurde.“

„Brautstrauß werfen? Seit wann kennst du dich mit solchen Dingen aus?“, wundere ich mich.

Männer haben von so etwas üblicherweise doch keine Ahnung.

„Diese Anordnung kommt von Sergio“, erklärt er grinsend. „Es gibt sicher gleich einen Schnaps zur Verdauung.“

Kaum hat er es ausgesprochen, kommt der Kellner auch schon mit einem Tablett.

Wir nehmen uns Hierbas und stoßen noch einmal mit dem Brautpaar an.

Dann erhebt sich Catherine und bittet die weiblichen Single-Gäste, ihr zu folgen. Wir sind nur zu dritt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich den Strauß fange, steht also eins zu drei und ist somit relativ hoch. Aber will ich das auch? Lennard könnte sich dadurch genötigt fühlen, etwas zu tun, zu dem er noch nicht bereit ist.

Und ich?, frage ich mich.

Der Trommelwirbel, den mein Herz veranstaltet, gibt mir die Antwort.

Als Catherine eine auffordernde Handbewegung in meine Richtung macht, habe ich also keine andere Wahl, als mit den Schultern zu zucken und mich zu den anderen beiden zu stellen.

Als der Strauß angeflogen kommt, gebe ich mir keine Mühe, ihn zu fangen, aber irgendwie landet er trotzdem direkt vor meinen Füßen. Schnell hebe ich ihn auf, um die Braut nicht zu kränken.

Die Gäste klatschen und Catherine kommt lächelnd auf mich zu.

„Du bist die Nächste, meine Liebe“, stellt sie fest.

„Wir werden sehen“, antworte ich ausweichend.

„Will er denn nicht?“

„Wir kennen uns ja erst seit wenigen Monaten.“

„So wie ich und Sergio auch und sieh mal, in welchem Kleid ich gerade vor dir stehe.“

„Das ist schön für euch und freut mich sehr. Aber es ist nicht die Norm.“

„Wen interessiert schon die Norm, wenn man weiß, dass derjenige der Richtige ist? Ich halte nichts von einer jahrelangen Probezeit.“

„Auch wieder wahr“, antworte ich und gehe zurück an meinen Platz neben Lennard, wo bereits eine mit Wasser gefüllte Vase auf den Strauß wartet.

„Gehen wir?“, fragt er, nachdem ich die Blumen versorgt habe, nimmt meine Hand und zieht mich mit sich.

Bevor wir den Strand betreten, ziehen wir unsere Schuhe aus und wie immer genieße ich es, den warmen Sand unter meinen Füßen zu spüren.

Händchenhaltend schlendern wir ein Stück am Strand entlang. Wir haben das schönste Wetter, das man sich nur wünschen kann, denn der Himmel ist strahlend blau und die Sonne schickt ihre wärmenden Strahlen nach unten.

Als wir zu einer Stelle kommen, an der ein paar Bäume uns die Sicht auf den Beachclub nehmen, bleibt Lennard stehen und schenkt mir einen seiner Blicke, die bis auf den Grund meiner Seele zu dringen scheinen.

„Es war kein Zufall, dass du den Brautstrauß gefangen hast“, erklärt er mit einem zärtlichen Lächeln. „Catherine hat auf dich gezielt und die anderen beiden Damen wurden gebeten, sich zurückzuhalten.“

Meine Wangen werden heiß, als er das sagt.

Will er etwa das sagen, was ich vermute?, wage ich kaum zu denken.

Da beugt er auch schon ein Knie, greift in seine Hosentasche und zieht ein goldfarbenes Kästchen hervor, das er öffnet.

„Lucia, Liebste … Ich betrachte es als das größte Geschenk meines Lebens, dich gefunden zu haben. Die Frau, die man liebt, sollte man festhalten und sei es auch nur mit einem Ring, dem ein Versprechen folgen wird. Lucia … Willst du für immer die Meine sein?“

Er sieht mich bittend an und wie könnte ich diesem Mann widerstehen, in den ich rettungslos vernarrt bin?

„Ja“, hauche ich. „Ja, ich will deine Frau werden.“

Da erhebt er sich, holt den Ring aus der Schachtel und steckt ihn mir an.

„Gefällt er dir?“, fragt er.

Es ist ein schmaler Reif mit einem Diamanten, der in Herzform geschliffen ist.

„Er ist wunderschön“, flüstere ich.

„Ein Herz für mein Herz“, sagt er und nimmt mich in seine Arme.

„Du bist ein Romantiker und das liebe ich ganz besonders an dir!“

„Nur das?“, neckt er mich.

„Nein, ich liebe alles. Dein Aussehen, wie du mich anlächelst, wenn du mich betrachtest, deine Zärtlichkeit und noch so viel mehr.“

„Das sind aber viele Komplimente auf einmal“, wiederholt er meine Worte von vor zwei Wochen.

Hätte ich sie auf drei Mal aufteilen sollen?“, gehe ich auf das Spiel ein.

„Ich kann sie gerade so verkraften“, antwortet er und sieht mich voller Liebe an. „Du machst mich mit deinem Ja zum allerglücklichsten Mann“, raunt er.

„Und du mich mit deinem Antrag zur allerglücklichsten Frau.“

Ich nehme seine Hand und lege sie auf mein Herz.

„Kannst du spüren, wie heftig es schlägt?“, frage ich. „Nur für dich.“

„Oh ja! Das kann ich und ich werde gut darauf aufpassen“, verspricht er.

Und dann küsst er mich und wieder fühle ich mich wie in einem wundervollen Traum …